Liepaja, LV, Tag 1

Hallo aus Liepaja in Lettland. Nachdem wir den Hafen in Danzig um 11 Uhr verlassen haben, liefen wir nach 36 Stunden auf dem Meer nachts um 1 Uhr endlich im nächsten Hafen ein. Geplant war das anders! Eigentlich wollten wir die 125 nm nach Kleipeda segeln. Die 48 nm von Kleipeda nach Liepaja kamen spontan und ungewollt hinzu. Aus Dazing sind wir in Begleitung von Karsten auf der Favea gut gelaunt morgens gestartet. Wir hatten nach den vergangenen Tagen Starkwind noch hohe Wellen in der Danziger Bucht erwartet, doch als wir die Häfenmündung erreichten, war es windstill und ruhig, abgesehen von der Altdünung die gegen uns arbeitete. Erst am Nachmittag konnten wir den Motor austellen und s
egeln. Der Tag verging schnell und die Nachschicht ebenso. Bei unserer dritten Nachfahrt stellte sich schon eine Routine fest. Wir hatten unsere 3 Stunden Schichten und den Wecker der alle 8 Minuten klingelte.

Neu war, dass wir in Begleitung fuhren, was bedeutete, dass sich immer irgendwo vor unseren Segeln ein weiteres Boot in unmittelbarer Nähe befand, was sich mit dem morgens für 3 Stunden alles einhüllende Nebel nicht recht vertrug. Die 6 Uhr-Wache war entsprechend anstrengend ohne AIS oder Radar. Interessanterweise kam der Nebel zusammen mit kräftigem Wind. Erst kurz vor 9 Uhr morgens klarte es auf und wir genossen bei strahlendem Sonnenschein die letzten Meilen nach Kleipeda. Die letzte Stunde hatten wir so wenig Wind, dass Jan die Angel rausholte und angeln wollte. Da wir aber für die Dorsche noch zu schnell waren, fuhren in den Hafen. Karsten war ungeduldiger und ist schon früher reingefahren. Wir trafen ihm in einem kleinen Kanal, eine Abzweigung des Flusses, der zum Yachthafen führt. Er rief uns zu, dass er mit dem Hafenmeister gesprochen hatte und wohl den letzten Liegeplatz bekommen habe. Der Hafenmeister stand auch kurze Zeit später an der Kaimauer und bestätigte, dass der Hafen voll sei. Wir fuhren also zurück in den Fluss und versuchten unser Glück in den Hafen direkt nebenan, dem Vereinshafen. Der Hafenmeister folgte uns an Land und erklärte im unfreundlichen Ton, dass auch da alles voll sei und er keinen anderen Platz für uns hat. Wir sollten nach Nida – 30 nm in die entgegengesetzte Richtung – fahren. Unkooperativer Typ, normalerweise findet man immer irgendwie einen Platz oder legt sich als Päckchen direkt neben die anderen Boote. Scheinbar waren alle Plätze in dem kleinen Hafen belegt oder durch andere reserviert. Der andere Hafen war wohl ausschließlich für Vereinsmitglieder.

Laut Hafenhandbuch gab es wohl an der Westseite des Flusses direkt gegenüber noch einen Hafen. Als wir dort ankamen, fanden wir ein vollkommen leeren, verwaisten Hafen. Die Stege waren nicht mit dem Land verbunden, Seile versperrten die meisten Stege und die Gebäude schienen auf den Abriss zu warten. Wir gingen davon aus, dass man uns hier auch bald verjagen würde und verließen den Hafen, um keine Tageszeit zu vertrödeln. Auch Nida war keine Option, da es uns zu viel Zeit kosten würde. Also verließen wir den Fluss und ließen Kleipeda hinter uns. Schade, ich hatte mich so gefreut, Kleipeda nach meinem Costa-Besuch 4 Jahre später noch einmal zu besuchen. Wir waren enttäuscht, frustriert und total erschöpft von den vergangenen 26 Stunden Fahrt.

Der nächste geschützte Hafen, Liepaja, war ca. 50 nm weiter.  Mind. 10 weitere Stunden, die für einen normalen Tag schon ausreichend waren. Um nicht zu viel Zeit zu verschwenden, fuhren wir unter Motor. Wir wollten die 5 Knoten auf keinen Fall unterschreiten. Geschätzt Ankunftszeit lag so schon bei 23 Uhr. Gegen 18 Uhr, nachdem Jan mich mich mal wieder lecker bekocht hatte (unter Deck kann ich mich aufgrund der Seekrankheit auf See immer noch nicht gut aufhalten), zog Nebel auf. Sehr dichter, kalter Nebel, mit teilweise Sichtweiten von nicht mehr als 30m. Die Eieruhr konnten wir vergessen. Von nun an musste die Wache mit Signalhorn in der Hand im Stehen durchgehend Ausschau halten. Über Kanal 16 funkte Jan anfangs seine Position an alle Schiffe in unmittelbarer Nähe, aber es kam keine Reaktion, was nun gut oder auch schlecht sein konnte. Es war totenstill, kein Wind, keine Welle, nur das gedämpfte Motorengeräusch war zu hören. Es war nass und kalt. Je länger man in den Nebel starrte, desto wilder wurden die Bilder, die vor den Augen auftauchten. Außer einem Schlepper, der aus dem nichts auftauchte und auch dahin wieder verschwand sahen wir nichts. 5 Stunden später, erreichten wir endlich den Hafen. Wir meldete uns am Hafen an und baten über Funk um Radareinweisungen, da wir noch im Nebel steckten. Wie durch ein Wunder verzog sich der Nebel kurz vor dem Hafenfahrwasser und ein Bilderbuch-Nachthimmel mit Sichelmond tat sich auf. Nun stellten wir auch fest, dass wir nicht die einzigen Verrückten hier draußen waren.

Nicht weit von uns tauchten die Positionslampen eines anderen Seglers zwischen vorbeiziehenden Nebelfeldern auf. Wir konnten nun aber ohne Radarkontrolle durch „Liepaya Traffic“ in den Hafen einlaufen und meldeten uns entsprechend beim Controller ab. Da die Hafeneinfahrt etwas verwirrend war, hatten wir schon so  Schwierigkeiten den Weg zwischen den Hafenanlagen hindurch zu dem kleinen Fluss zu finden. So war das nächtliche ansteuern auch ohne Nebel Herausforderung genug. Obwohl uns 3 Frachter direkt vor dem Hafen entgegenkamen, schien der Hafen schon zu schlafen.

Es war ruhig und gespenstisch. Wasserdampf  von den Holzspäne-Bergen waberte durch die Luft und die Kräne wuchsen um uns herum in den Nachthimmel empor. Der Yachthafen bestand aus einer Kaimauer vor einem großem 5 Sterne Hotel. Außerdem gab es einige Bars, Clubs und Restaurants. Es schallte Musik herüber. Wir kamen scheinbar gerade rechtzeitig zur Samstagnachtparty. Es lagen viele Boote am Hafen. Der freundliche, hilfsbereite Hafenmeister, der gleich herbeieilte, um uns beim Anlegen zu helfen, fragte ob wir zu der Regatta gehörten oder nur so gekommen sind. Die Boote der Regatta hatten alle eine litauische Flagge. Da Kleipeda einer den wenigen Häfen in Litauen ist, nahmen wir an, dass diese Regatta Grund für die vielen freien Liegeplätze im Vereinshafen in Kleipeda sei. Wie ironisch das wäre!

174nm hatten wir geschafft, gezwungener Maßen 2/3 der Strecke unter Motor und 8h in dickem Nebel. Wir waren wirklich erleichtert und froh endlich angelegt zu haben. Wir aßen Brote, tranken Wein und Bier und fielen dann todmüde in die Koje. Trotz Party um uns herum schliefen wir sofort ein.

 

Hier ein Stimmungsbild von dem ersten Tag der Überfahrt:

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Während einer Wache hat und Ausschau hält…

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… versucht sich die Freiwache zu erholen…

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… Nach 3h Nebelfahrt ist wieder Tag und die Sonne scheint…

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… wenn wir nach Kleipeda rein fahren. Viel mehr von der Stadt sollen wir auch nicht zu sehen bekommen:
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